Donnerstag, 31. August 2023

Der Menschen Wort

 

 
Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Rainer Maria Rilke
(1875-1926)

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Bild: Pixabay

Mittwoch, 23. August 2023

Zeit ist nicht nur ein Wort

 
 
  
Zeit ist nicht nur ein Wort,
sie ist überall, an jedem Ort.
Man kann sie nicht sehn
Und doch ist sie da.
Sie wird schnell vergehn
Und doch nimmt man sie wahr.
Man kann sie nicht hören,
Denn sie vergeht leise.
Sie kann sogar stören,
Auf gewisse Weise.
Man möchte ihr sagen,
Bleib doch mal stehn
Doch wie der Wind
wird sie verwehn.
Du möchtest ihr zurufen,
Halt doch mal inne,
Im Glücksmoment der Sinne.
Sie ist beständig für alle Zeit,
Die allumfassende Ewigkeit
der Zeit.

© Ursula Evelyn

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 Foto: Pixabay

Dienstag, 8. August 2023

Der Rosenelf

 
Mitten in einem Garten wuchs ein Rosenstock,
 

Er war ganz voller Rosen. Und in einer derselben,
der schönsten von allen wohnte ein Elf.
Der war so winzig klein, dass kein menschliches Auge
ihn erblicken konnte. Hinter jedem Blatt
in der Rose hatte er eine Schlafkammer.
Er war so wohlgebildet und schön,
wie nur ein Kind sein kann, und hatte Flügel
von den Schultern hinunter bis zu den Füßen.
Oh, welcher Duft war in seinen Zimmern und
wie schön und klar waren die Wände.
Es waren ja die blassroten Rosenblätter.

Hans Christian Andersen
aus dem Märchen
Der Rosenelf

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Samstag, 29. Juli 2023

Ein Augenblick im Leben


 
Ein Augenblick geht wie ein Wimpernschlag vorüber
und kommt nie wieder.
Er ist kostbarer, als alles Gold der Welt.
 Das Leben jeden Tag, jeden Augenblick genießen!
Alles ist vergänglich, die Zeit bleibt nicht stehen.
Stunde um Stunde, Minute um Minute vergehen.
Der Sekundenzeiger lässt sich nicht anhalten.
Unaufhörlich zieht er seine Bahn auf dem Zifferblatt
der Uhr und doch bietet jeder Augenblick,
jede Sekunde,
die Möglichkeit, glücklich und zufrieden zu sein,
oder sogar einen Neuanfang zu wagen.
Man kann in jedem Augenblick
das alte Leben loslassen und ein neues Leben anfangen.
Jedenfalls kann man eine solche Entscheidung
von einem Augenblick zum anderen treffen.
Das kann man wirklich!
Und man glaubt ja gar nicht, wie viele kostbare Augenblicke
ein solcher Neuanfang in sich birgt.
Wie viele Augenblicke voller Überraschungen,
voller neuer Erfahrungen
und Erkenntnisse das Leben
nach einem Neuanfang bereithält.
 
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Foto: Pixabay

Donnerstag, 20. Juli 2023

Sein, wie ich bin

 
 Mich gehen lassen -
das, lehrte man mich, sei schlecht.
So ließ ich mich nicht mehr gehen,
hatte mich stets im Griff,
hielt fest an dem, was sein "sollte"
- und blieb stehen -
 
 

 
Heute bin ich im Weiterkommen so aus der Übung,
dass mir jeder Schritt Angst macht.
"Gut oder schlecht" -
so lehrte man mich, meine Gefühle zu bewerten.
Die guten ins Köpfchen
und nach außen tragen,
die Schlechten brav runterschlucken.
Ich war so lange "gut"
bis ich nichts mehr schlucken konnte.
 
 
 
 
So lernte ich mühsam,
mich von "gut und schlecht" zu trennen
- zu sein, wie ich bin -
für viele auf einmal unbequem.
 
(Verfasser/in unbekannt)

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Dienstag, 4. Juli 2023

Ein Schloss in lächelnden Wolken

 

 
Ein Schloss in lächelnden Wolken hast du mir gebaut,
Nun wandle ich träumend durch jeden Raum.
In Träumen von Sehnsucht bin ich dort gefangen,
Nicht länger um deine Liebe bangend.
Zwischen dem Mond und einer Sternenschar
Werden meine Sehnsuchtsträume wahr.

Der lächelnde Mond wird unsere Liebe bescheinen
Mich mit dir in ewigen Träumen vereinend.
Im Wolkenschloss bleibt die Zeit für immer stehn,
Keine der lächelnden Wolken wird sie je verwehn.
Wie ein Wirbelsturm kamst du in mein Leben gerauscht
Hast mich mit deiner Liebe beglückt und berauscht.

 

 
Du hast mich zu deiner Prinzessin gemacht,
Mich mit magischen Worten der Liebe bedacht.
Wie ein Wirbelsturm bist du wieder verschwunden,
Hast mein Herz und meine Seele geschunden.
So sind zahlreiche Jahre vorübergegangen,
In unserer Einsamkeit waren wir beide gefangen.

Hoch in den Wolken haben wir uns wiedergefunden,
Immer noch eng in Liebe und Sehnsucht verbunden.
Wir sind fern und uns doch nah auf ewige Zeiten
In den unendlichen, ewigen, himmlischen Weiten.
Hinauf zum Wolkenschloss werde ich eilen,
Um dort bis in alle Ewigkeit mit dir zu verweilen.

 
 
In einem Luftschloss der Träume inmitten lächelnder Wolken
im Auge des Wirbelsturms.
 
© Ursula Evelyn

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Bilder: Pixabay

Dienstag, 23. Mai 2023

Rosa Hortensie

 

 

Wer nahm das Rosa an? Wer wusste auch,
dass es sich sammelte in diesen Dolden?
Wie Dinge unter Gold, die sich entgolden,
entröten sie sich sanft, wie im Gebrauch.

Dass sie für solches Rosa nichts verlangen.
Bleibt es für sie und lächelt aus der Luft?
Sind Engel da, es zärtlich zu empfangen,
wenn es vergeht, großmütig wie ein Duft?

Oder vielleicht auch geben sie es preis,
damit es nie erführe vom Verblühn.
Doch unter diesem Rosa hat ein Grün
gehorcht, das jetzt verwelkt und alles weiß

Rainer Maria Rilke

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